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Ryszard Kowals Leidenschaften                

         von Zbigniew  Makarewicz                                                  

 

                            Ryszard Kowals Leidenschaften

Bevor ich Ryszard Kowal als Maler kennen lernte, war er mir als origineller, mutiger Anreger und Organisator künstlerischer Ereignisse bekannt. Eins dieser Ereignisse, welches die friedlichen und traditionsbewussten Bürger Oppelns neugierig machte, war die Skulpturen-Freiluftausstellung, welche 1963 zum ersten Male auf dem Plac Wolnosci stattfand. Kowal arbeitete zu der Zeit für das Muzeum Slaska Opolskiego. Ich erinnere mich noch gut an den Wirbel und die Diskussionen, die Ryszard mit seiner Idee, im Gras unter den Bäumen eines innerstädtischen Platzes Skulpturen auszustellen, welche aus kaum besuchten Ausstellungen, von lokalen und anderen bekannten polnischen Künstlern stammten, verursacht hat. Es war eine - im guten Sinne des Wortes - Provokation vor den Auges des Mannes auf der Straße, welcher sich eigentlich nie für Kunst interessierte hatte und auch nie auf die Idee gekommen wäre, eine Ausstellung zu besuchen. Ryszard entschloss sich, mit der Kunst hinauszugehen und sie direkt vor seiner Nase zu präsentieren, und ihn so zum Hinsehen zu zwingen. Jeder, der den Plac Wolnosci überquerte oder dort Rast machte, musste sich so wohl oder übel irgendwie zu dieser Kunst verhalten. Einige zeigten Ablehnung, andere spuckten verächtlich auf diese Exzentrizitäten, viele jedoch nahmen sich bei den folgenden Ausstellungen Zeit, um sie anzusehen. Die lokale Presse gab unterschiedlichste Meinungen zu den Ausstellungen wider, sowohl schmeichelhafte wie abwertende.

Aber genau das hatte Kowal gewollt. Er wollte Wirbel und Bewegung,  um die Gleichgültigkeit gegenüber der Kunst zu überwinden und um die Leute zu Reflektionen zu zwingen, um sie dazu zu bringen auszudrücken, was sie bei der Begegnung mit einer geballten Ladung Skulptur von unterschiedlichen Künstlern und Stilen empfanden. Dies war die typische Kowal-Art, mit Kunst umzugehen. Die Kunst sollte die Leute bereichern, ihnen in ihrem täglichen Leben dienen, sie überzeugen, dass die Arbeit des Künstlers eine wichtige Aufgabe in unserer Umwelt hat und dass der spezifische Dialog zwischen Schöpfer und Rezipient durchaus tiefgehender und alltäglicher sein kann. Ausstellungen mit Freiluft-Skulpturen, erfunden und organisiert von Ryszard Kowal, wurden bald charakteristisch nicht nur für Oppeln. Ihr Einfluss wurde zunehmend größer nicht nur dank der Presseveröffentlichungen, sondern mehr noch dadurch, dass sie während der Oppelner Festspiele (Opolski Festival Piosenki Polskiej), zu denen viele Sänger, Musiker, Journalisten und Tausende von Menschen aus dem ganzen Land angereist waren, stattfanden.

 Mit der Zeit gewöhnten sich die Leute an diese Ausstellungen und diese provozierten sie nicht mehr. In diesem Sinne erreichten die Ausstellungen ihr Ziel und befriedigten den Urheber, der so bewiesen hatte, dass es möglich war, den Mann auf der Straße zur Kunst zu führen, indem man diese aus den Ausstellungsräumen befreite.

 Kowal setzte seine Aktionen fort; geschaffen, um den konservativen Geschmack des breiten Publikums zu brechen, aber doch getragen von dem grundlegenden Engagement des Urhebers: indem er sehr originelle Szenerien mit großen Kulturausstellungen entwarf. Kowal setzte sowohl die Experten als auch die ganz normalen Betrachter mit der lebhaften, einfallsreichen Konzeption und der bildnerisch anregenden Präsentation des Krappitzer Kreisgebietes in Erstaunen. Diese Darstellung war ein Teil des "Festivals der Kreise", organisiert unter der Schirmherrschaft der Zeitung "Trybuna Opolska". Kowal bewies, dass, indem er die lokale Volkskunst mit der Phantasie eines modernen Künstlers verband, man etwas sehr Originelles, Anregendes, Achtunggebietendes für das kulturelle Potential der nächsten Umgebung und für ihre Bewohner, welche aus unterschiedlichen Traditionen und Regionen kommen, schaffen kann. Natürlich musste der Künstler dabei die typischen Regeln und Anforderungen solcher Ereignisse berücksichtigen, deren Ziel es war, in diesem konkreten Umfeld die breitgefächerten Leistungen des Kreises in jedem Aspekt zu präsentieren, aber Kowal gelang es, diesem seinen eigenen Stempel aufzudrücken, seine eigene Lebensphilosophie und seine Rolle darin einzubringen.

 Früher bereits hatte Ryszard Kowal seine starken inszenatorischen und bühnenbildnerischen Fähigkeiten anlässlich der großen Publikumsspektakel während des Zentralen Erntedankfestes in Oppeln unter Beweis gestellt. Bei der Verwirklichung seiner Ideen von den einflussreichen Organisatoren begrenzt, gelang es ihm dennoch, in voller Freiheit und in diesen überschaubaren Dimensionen seine eigene Konzeption und Vision bei der Präsentation der künstlerischen Ergebnisse der Gegend um Krappitz herauszuarbeiten. Er konnte auch in Krakau oder Warschau die ganze Bandbreite seiner außerordentlich schöpferischen Imagination bei der Vorstellung von Oppelner Volkskunst unter Beweis stellen.

 Zufällig trafen sich dann in den siebziger Jahren meine Ansichten und Interessen an der Rolle der Kunst mit denen Kowals. Das Monatsmagazin "Opole", welches ich herausgab, organisierte künstlerische Symposien, die sich mit der Einmischung der Künstler in die Umwelt beschäftigten. Der unvergessene Marian Bogusz war die Seele, der Ideologe und wirkliche Leiter dieser zum ersten Mal in so großem Umfang stattfindenden Treffen von zahlreichen Malern und Bildhauern aus dem ganzen Land. An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass wir bestrebt waren, auch die Architekten mit gleichen Rechten an diesen Treffen zu beteiligen. Obwohl auch von der Bürokratie behindert, hatten sie doch großen Einfluss beim Bau von neuen Siedlungen, neuen Stadtteilen, Industrie- und Kommunalbauten, also auf die Gestaltung des Lebensumraumes der Menschen.

Wir waren der tiefen Überzeugung, dass, wenn nur Künstler, Architekten und Stadtplaner ihre Kräfte bündelten, sehr wirkungsvolle Ergebnisse herauskommen müssten, die die konventionelle Plattenbauweise humanisieren und optimieren würden. Aber abgesehen von einigen Ausnahmen erreichten wir die Teilnahme der Architekten nicht. Sie schienen sich über eine mögliche Konkurrenz von Seiten der Künstler Sorgen zu machen.

 Von Anfang an aber war Ryszard Kowal begeistert von der erwähnten Idee. Er nahm sehr aktiv teil sowohl an den konzeptionellen Arbeiten als auch an den harten Diskussionen zu diesen Projekten. Darüber hinaus fanden auf seine Anregung hin zwei Symposien zu diesem Thema in der Krappitzer Gegend statt. Kowal und seine Frau Irina - selber Architektin - spielten die Rolle des schöpferischen Geistes in dieser Region. Weil es mit seinen Leidenschaften und seiner Sicht der zeitgenössischen Kunst harmonierte, war Kowal begeistert von der Idee dieser künstlerischen Symposien.

 Die Erfahrungen der Künstler aus ihrer Zeit im Zentrum für Agrikulturellen Fortschritt in Losiow trugen ihre Früchte in vielen originellen Projekten zur Einmischung der Kunst in die agrikulturelle Umgebung, in Projekten, die von den landwirtschaftlichen Experten und den Bauern akzeptiert worden waren. Dieselben Künstler, durch Kowal überzeugt, entschieden, sich an dem Bau eines modernen Zementwerkes in Gorazdze zu beteiligen. Zur Verwunderung der Fachleute wären dort viele künstlerische Projekte zu realisieren gewesen, wenn die angemessene finanzielle Unterstützung und vor allem die Bereitschaft der Investoren vorhanden gewesen wäre.

 Durch Kowals Anstrengungen und dank dem Mut der örtlichen Behörden gelang es, eine einzigartige Symposiumsidee in Krappitz zu verwirklichen. Einige Werke berühmter Künstler wurden nämlich auf die Wände von Wohnhäusern übertragen. Das erzeugte einen sehr interessanten künstlerischen Effekt, welcher spontane Reaktionen der örtlichen und einiger ausländischer Delegationen hervorrief. Unglücklicherweise zerstörte der Mangel an wetterfesten Materialien dieses außerordentliche künstlerische Phänomen. Wie auch immer, ich denke, dass das der Beweis ist, dass Kunst mit geringem Aufwand in die offene innerstädtische Landschaft eingeführt werden kann. Ryszard Kowal ist der Pate dieser Idee, was wiederum der Liste seiner originellen künstlerischen Erfolge hinzuzufügen ist.

Heute, innerlich gelassener, verfolgt der Künstler in seinem Dachatelier  wieder seine alten Leidenschaften und versucht, seinen dynamischen und offenen Dialog mit dem potentiellen Partner-Rezipienten fortzusetzen.

                                                         Edward Pochron

   

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